Prora

Prora

Wenn du „Prora fewo“ googelst, eröffnet sich dir ein 3-stelliges Kontingent an Ferienwohnungen in der Prorer Wiek, einer langgezogenen Bucht im Nordosten von Rügen. Den heute noch 2,5 Kilometer langen „Koloss von Prora“ hatten die Nazis einst als „Kraft durch Freude-Bad“ geplant, 1939 im Rohbau fertiggestellt, jedoch kriegsbedingt nicht in Betrieb genommen. Die Nationale Volksarmee (NVA) baute den Gebäudekomplex nach Plünderungen und Demontage zur Großkaserne aus. Prora diente der NVA 40 Jahre lang als Soldatenquartier, Ausbildungsstätte und Truppenübungsplatz. Heute sind Eigentumswohnungen im größtenteils sanierten Monstrum wegen der Denkmalabschreibung begehrte Kapitalanlagen. Quartiere für ein Heer von Urlaubern entstanden und entstehen immer noch weiter auf der Großbaustelle.

Prora, Block III: Nachher – vorher

Der beige-graue Rauputz aus NVA-Zeiten verschwindet nach und nach. Die Bagger bringen unwiderruflich letzte Spuren der Vergangenheit auf den Schutthaufen. Speziell in Block 5 hätten Gegenstände und Orte Geschichte(n) zum Anfassen über die Waffendienstverweigerer der DDR – die Bausoldaten – erzählen können: erzwungene Gelöbnisse, arbeiten bis zum Umfallen auf der lebensgefährlichen Hafenbaustelle Mukran, direkte und indirekte Schikanen, gebrochene junge Männer mit Selbsttötungsabsichten. Tatsächlich auch Selbsttötungen. Diese wie auch das Überleben und die Solidarisierung Andersdenkender, ungebrochen in einem System der Willkür, verdienen Beachtung.

Einer, der den militärischen Großstandort noch im beige-grauen Gewand kennt, ist Historiker und Autor Dr. Stefan Stadtherr Wolter. In der Autobiographie „Prinz von Prora – hinterm Horizont allein“ beschrieb er 2005 seine Erlebnisse während seiner Zeit als Spatensoldat. Zwanzigjährig hatte Wolter, Pastorensohn, nach 18 Monaten in der „Hölle von Prora“ seine Wehrpflicht erfüllt. Aus Überzeugung ohne Waffen. „Drei Worte genügen: Nie wieder Rügen!“ war damals ein geflügeltes Wort unter den Soldaten, Waffen tragend oder nicht, wenn sie den scharfen Drill im militärischen Sperrgebiet endlich hinter sich lassen konnten. Dr. Stefan Stadtherr Wolter arbeitet als Historiker seit 2009 kontinuierlich für eine ausgewogene Erinnerung an die diversen Nutzungen des Kolosses. Ich las seine Schilderungen über das Bausoldatenleben in der Großkaserne nach unserem ersten Prora-Urlaub. Die Worte fesselten mich. Junge Männer kamen zumeist gesund an Körper, Geist und Seele hinein. Manche kamen heile, viele traumatisiert, andere gar nicht mehr aus dieser „totalen Institution“ (Goffman) heraus. Bausoldaten wurden zu DDR-Zeiten als Feinde des Systems an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Waffendienstverweigerer wehrten sich von unten und trugen ihren Teil zur friedlichen Revolution bei. Spätestens seit dem 9. Oktober 1989 war die Bewegung „Wir sind das Volk!“ im Osten nicht mehr zu stoppen. Ich glaube, das Thema der Ab- und Ausgrenzung von Minderheiten wird uns weiter beschäftigen. Und doch: die Energie, gewonnen aus dem inneren Widerstehen, birgt enorme Möglichkeiten der Veränderung.       

Prora, 20. Juli 2019

Wind of Change   /   Scorpions

https://www.youtube.com/watch?v=5S3xnCqc7Js                                                                      

The wind of change
Blows straight into the face of time
Like a stormwind that will ring
The freedom bell for peace of mind (…)

Take me to the magic oft the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow
Share their dreams with you and me  (…)      

Songwriter: Klaus Meine

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